Bad Oldesloe -

Endstation im HVV Nahverkehr

 

Leseprobe

Mitternacht und Geisterstunde, in einem Trödelgeschäft mit vielen wirklich alten Büchern. Nicht solche, die die Großeltern gelesen haben könnten, sondern mindestens vier Generationen älter.

Was alt ist für einen Menschen, ist eben nicht alt für ein Buch, euer langhaariger Anton sagt es euch immer wieder.

Ein Buch ist nämlich überhaupt nicht alt, wenn es keine Handarbeit mehr ist.

Schon um 1860 kamen in Westeuropa die Manufakturen in Schwung, direkte Vorläufer der bald folgenden Fabriken.

Aber Anton weiss, seit drei Monaten auch aus Erfahrung, wie allein er steht mit seinem Interesse zumindest an den alten Schinken.

Jugenderinnerungen wie kleine Autos in der Pappschachtel, Filmfiguren mit Schwerten und schwarzen Umhängen, Maus und Ente als Lampe oder Telefon lassen sich wenigstens noch laufend verhökern, verticken und verkaufen.

 

Nebenher im Licht der gelben Straßenlaterne stehen eine Puppe auf einem alten Telefon neben kleinen Plastik-Figuren, die eine ebenso kleine Tankstelle bevölkern. Ein Puppenhaus voller winziger Möbel und Gegenstände, Filmplakate, ein Tropenhelm und ein ausgestopfter Vogel runden die in diesem Licht noch erkennbaren Gegenstände ab.

Und reichlich warm ist es hier auch wieder.

Anton flucht in Gedanken.

Liegt an den großen Fensterscheiben.

Praktisch als Schaufenster, unpraktisch an heissen und an kalten Tagen.

Zauberhaft in Mondnächten.

Draussen fantasiert ein Mädel zum jungen Bürschchen von allwissenden Teddybären. Immerhin nimmt er den Faden auf und schwebt mit ihr im Geiste in den Modellautos durch den Laden, wo die Bücher verzauberte Pforten sind. Nur einmal muss es Ihnen gelingen, sich hier einschliessen zu lassen, um an der Magie teilzuhaben.

Anton, der in der Dunkelheit an den vor dem Ladenfenster herabhängenden Stoff-Äffchen dem Pärchen hinterher schaut, ist weder kindisch, noch romantisch veranlagt.

Ob „c.“ so etwas mögen würde?

Chantal könnte das hier einmal bei Nacht fotografieren.

Sie hat ihn ja auch hierher gebracht, gewissermassen.

Und sie hat ihn auch mit „c.“ bekannt gemacht, die für eine Projektarbeit wissen wollte „Wie erkläre ich Lesen für jemanden von einem anderen Stern?“

Dabei hatte Chantal ihn erst so abgebürstet, als er ihr zum Geburtstag gratuliert hatte.

Entsprechend war sein Konter.

Er ist zu beschäftigt für solche Dinge! Im Unterricht war er auch nicht dabei und solche Zeitspannen hat er zuletzt bei der Tageszeitung ertragen. Sonst immer sehr gerne, aber es muß eine Chance bestehen. Arbeiten für die Altpapiertonne liegt ihm nun einmal nicht.

Ja, und dann ist ihm doch etwas eingefallen.

Fast einen ganzen Tag hat er darauf verwendet und es ihr geschickt.

Beinahe poetisch ist es geworden.

Auf Dank oder wenigstens eine Reaktion wartet er heute noch.

          Anton streicht in der fast vollständigen Dunkelheit links und rechts über ein Regal, inhaliert diesen Duft alter Bücher.

Zwischenzeitlich ist seine Muskulatur entspannt und greift nun im Zwischengang links und rechts in gegenüberliegende Regale, um den Körper wie ein Turner an den Ringen pendelgleich zu schwingen.

Während seiner Übungen hat er sich jedes Geräusch verboten. Schnaufen, keuchen, stöhnen und jammern ist für Publikum reserviert, wenn er durch das Geschäft schlurft, etwa weil irgendjemand irgendetwas sehen will, was dann doch zu oft am Preis scheitert.

Fast geräuschlos stellt er links und rechts die Füße in die unteren Regale, bis er soweit hochgeklettert ist, daß er wie ein menschliches Brett im fast schwarzen Zwischengang schwebt. Heute hat er einen Brief erhalten, der alles ändert. Oder auch nicht.

Zeitgleich erzählt ein durchtrainierter, gerade noch junger Mann mit beinahe Glatze, wie es zu dem Koffer kam, den er heute mitschleppen muß. Pierre nämlich wird es verstehen.

Man muß einfach einer Organisation wie der Legion angehört haben, um eben genau diesen speziellen Hintergrund nachvollziehen zu können. All die extreme Disziplin, wo schon eine falsche Kopfbewegung Strafen nach sich zieht. Die Gewaltmärsche mit Gepäck, die Willkür und die Widerlinge pulverisieren wirklich jeden.

Zwischen Angst und Gehorsam soll Kameradschaft entstehen.

Pierre hat keine Kontaktdaten ausgetauscht.

Didi auch nicht: "Es ist gut, daß es zu Ende ist. Aber es hat mir trotzdem etwas gebracht."

Pierre nickt, leert und zerknüllt die Bierdose.

Im Zug Marseille/Hamburg hat sich zu dieser Uhrzeit noch ein dritter Fahrgast angefunden.

Ob der es kapieren würde, weiß Didi nicht so recht.

Anton aber, der Typ zu dem sie unterwegs sind, der wird es ganz bestimmt nicht verstehen.

Und auch nicht nachvollziehen wollen.

Also muß Didi das Ding im Koffer vorher loswerden.

Nur kann er es schlecht auspacken. Es müßte also mit dem Koffer verschwinden. Dabei haben ihn vorhin schon ein paar fröhliche Jugendliche angesprochen, ob sie Zauberkünstler wären.

Anders gesagt, es ist nicht nur ein sehr großer, sondern auch ein sehr auffälliger Schrankkoffer, der in kein Schliessfach passt, sonst hätte er ihn gleich im Bahnhof vergessen.

Aber heutzutage einen herrenlosen Koffer auf Bahnhöfen mit den vielen Kameras stehen zu lassen, ist definitiv keine gute Idee.

Das sind immer die Bilder, die zuerst ausgewertet werden.

Bahnhof für Bahnhof findet man dich binnen Stunden und dann ist es auch nicht schwer zu erraten, daß es eine Horde Legionäre war, die da eingestiegen ist.

Ab hier ist dann erst einmal wieder Schweigen, weil erst irgendjemand nachdenken muß, ob mit der Herausgabe der Identität nicht doch irgendwelche französischen Interessen oder die Ehre der Armee berührt sein könnten.

Immerhin, die Legion kristallisiert eines in dir heraus: Die persönliche Strategie zum ernsthaften Überleben, wenn für eine Zeit, von der man nicht weiss, wann sie endet, keine Regeln mehr gelten. Die Legion, das ist so wie eine Strickleiter über offenem Grund. Keine Garantie, aber eine Chance. Leider nur für jene, die sie auch nutzen können.

Immer wenn Pierre gefragt wurde, warum er in gerade dieser Armee gelandet war, hatte er »Scheißfamilie« gelächelt und keiner hat mehr gefragt. Der groß gewachsene Didi hingegen war das Hühnchen, weil er als ausgelernter Krankenpfleger kam, die in allen Armeen dieser Welt geringe Vorteile erhalten und Hassneid dafür ernten. Die Hühnchen desertieren, bringen sich um oder aber finden den Schlüssel zu den malträtierten, jungen Kerlen aus vielen Ländern. Zugegeben, Geisteskoryphäen sind Legionäre nicht gerade, aber auch keine marodierenden Söldner.

Didi hat den Schlüssel zu ihnen gefunden.

Fast mehr als ihm lieb war.

Seine immer wieder trainierte Fähigkeit aus Gips, Holz, Draht und Kunststoff, einen kompletten menschlichen Fußknochen, dann Hände herzustellen, hat ihm in dieser Gesellschaft zu Anfang Ruhe gebracht, weil man ihn erst für geschickt, dann für eventuell einmal nützlich gehalten hat.

Es folgten die weiteren Gelenke und mittelfristig wurde nach vielen Teilen auch ein komplettes Skelett fertig.

Aber kleiner Ruhm nutzt sich schnell ab.

Prompt verlangte jemand einen Totenkopf von ihm, mit militärischen Symbolen verziert. Da er dem Besteller im Range eines Feldwebels nicht entschieden genug widersprochen hat, sicherheitshalber eigentlich gar nicht, kommt es einem Leutnant zu Ohren, der Didi prompt mit Strafen eindeckt.

Der Feldwebel wurde nicht zur Rechenschaft gezogen.

Wenn doch, hat es niemand erfahren.

So beschliesst Didi, der heute Abend irgendwie redefreudig ist, seine Erzählung an den interessierten Dritten im Abteil. Er hat dann aus Lederresten das Skelett mit Haut umkleidet, was die heutige, nun im Koffer hockende, Mumie entstehen liess.

»Hätte ich noch links und rechts eine Kerze aufgestellt, die gesamte Mannschaft hätte regelmässig davor gekniet und mir Schutzamulette und Fluch-Tafeln abgekauft.«

Pierre lacht.

Und lacht.

Er lacht so sehr, daß er Didi sein fünftes und vorletztes Bier anbietet.

Der Zuhörer schmunzelt breit, mit einer Miene zwischen Wissen und Verständnis.

Aber Didi wollte weder Schutzamulette noch Fluch-Tafeln verkaufen.

Keiner seiner Kameraden, die während ihrer Besäufnisse und Eskapaden mit und ohne Weiblichkeit, herzlich Abstand von ihm hielten und auch halten sollten, belästigte ihn über Gebühr.

Diese Mumie, mit ein paar genähten Eingeweiden aus Stoff, hatte genau die Atmosphäre, die es brauchte, um genau dort ihre schützende Wirkung zu tun.

Es hatte perfekt zu der jetzt vergangenen Situation gepasst und nun war es ein fürchterlicher Klotz am Bein und nur noch herzlich im Weg.

Richtig blöd aber ist, daß Didi, um Zeit bis zum Ende seiner Verpflichtung zu gewinnen, der Mumie ein ganz bestimmtes Gesicht geben mußte - oder wollte.

Und weil das ein einschneidendes Erlebnis in Didis Leben war, hat er das Gesicht von Antons Frau nachgebildet, die nun seit einiger Zeit nicht mehr seine Frau ist.

Verdammte Weiber.

Anton würde es nicht verstehen.

Ex-Legionär Didi weiss wirklich nicht, wie er empfangen werden wird. Heimatkontakt war in der Legionärszeit nicht erwünscht.

Erneut grübelt er über das Ausmaß dieser kleinen Katastrophe, seine mehrjährige Bastelarbeit vieler Stunden mitzunehmen. Andererseits hätte er ohnehin keine Möglichkeit gehabt, es einfach stehen zu lassen. Die Armee ist verdammt genau in diesen Dingen.

Warum hat er es überhaupt erst angefangen, was er jetzt auch Pierre fragt.

Der zuckt mit den Augenbrauen und wiederholt, was schon so oft gesagt worden war, »besser als das Hühnchen zu sein«.

Didi sieht wieder aus dem Fenster, wo dunkle Umrisse vorbeihuschen.

Wie geht es jetzt weiter? Einerseits hat er etwas gut zu machen, anderseits wußte er nicht wohin nach dem Dienst.

Was kann man mit der kleinen Abfindung machen?

Pierre tippt ihm aufs Knie, nickt zustimmend und sagt in Didis Gedanken hinein, daß die kleine Abfindung schon okay wäre. Noch hilfreicher aber wäre es natürlich nicht sofort in den Ärger zu laufen, wobei er die Nase rümpft und bedeutungsvoll ironisch zur Kiste sieht, die trotz geöffneten Fensters das Abteil mit dem Geruch nach Leder erfüllt.

Didi reißt Mund und Augen auf.

»Gedanken lesen sein asiatische Weisheit, die dummes weisses Mann nicht verstehen«, kommt von Pierre mit gesenktem Kopf und einem wirklich widerlichen Grinsen. Der Mitfahrer lacht kurz und fröhlich.

Als Sohn zweier Vietnamesen, der in der Mitte Europas aufgewachsen ist, hat Pierre zwei Dinge gelernt:

Mit Humor kommt man immer weiter und das andere behält er für sich.

          Inzwischen haben mindestens ein Dutzend Idioten ihn mit dem spektakulären Koffer auf irgendwelchen Handyfotos drauf. Wenn diese Schwachsinnigen erst wüßten, was drin ist.

Halb eins in der Nacht, noch rund sieben Stunden bis Hamburg.

Und dann noch weiter zu dem anderen Nest.

Didi weiss noch nicht, daß sich Antons Adresse geändert hat.

 

Seit die Post heute morgen da war, ist Anton Besitzer dieses Trödelgeschäftes. »Originelles und Originales« – nicht sehr einfallsreich, aber es reicht eben. Anton macht tiefe Atemzüge.

Die drei Affen im Schaufenster sind besser.

Der ganze Ort nennt diesen Laden nur so.

Vor fast drei Monaten wurde Anton vom alten Herrn eingearbeitet, jetzt ist er in Richtung Süden verschwunden, »aus gesundheitlichen Gründen«.

Der Inhaber, nicht Anton.

Zur Begleichung der ohnehin geringen Lohnschuld für den letzten Monat hat der alte Sack seinem Mitarbeiter jetzt in einem Brief den Laden überlassen.           

Beiliegend noch ein paar traumhafte Berechnungen in schöner Handschrift, was die Werte des Lagers betrifft.

Anton läßt sich aus den Regalböden fallen, der Aufprall schmerzt ein paar Sekunden, aber da steht er schon wieder, kerzengerade und sich im Geiste verfluchend, warum er nicht schon viel eher mit seinem Körper angefangen hat.

Gerade eben hatte er beschlossen, daß sich hier nichts mehr ergeben wird. Wenn er daran denkt, wie er erst hierherkam ... Das roch verdammt interessant. „Die drei Affen ...“, selbst wenn alle drei am Fenster nur Klimmzüge machen, hat zumindest er sofort eine andere Assiziation gehabt.

Aber nicht alles, was nach Geschichte riecht, ergibt am Ende auch eine.

Trotzdem - er hat die Auszeit gut gebrauchen können.

Eigentlich hat er diesen Laden sogar lieb gewonnen.

Nur der Ex-Inhaber hat immer gestört.

Überhaupt - das passt eigentlich gar nicht zu dem, irgendetwas zu verschenken.

Es sei denn, der hat vorher den großen Reibach gemacht.

Dann würde die schnelle Flucht sehr genau zu ihm passen.

Und in dem Geschenk liegt irgendeine Übernahme von Pflichten oder Rechnungen, die das alte Schwein vergessen hat zu erwähnen.

Das passt.

Anton atmet leise in die Dunkelheit, die Kniebeugen zählend.

          Ein kurzes Stück Weg entfernt ist jemand in einem weiß-ledernen Pferdekostüm auf dem Weg zu den Drei Affen, um ausserhalb der Öffnungszeiten Eintritt zu erlangen.

Juristisch gesehen wäre das Eintreten wohl auch noch erlaubt.

Etwas zu kaufen, oder eine bezahlte Dienstleistung zu erbringen, wäre beiden, aufgrund der hiesigen Ladenöffnungszeiten, verboten. Allerdings würden erwachsene Augen bei dem Anblick dieses sehr privat gehaltenen Kostüms von einer seltenen Wunschbefriedigung ausgehen, die ganz sicher Ladenöffnungszeiten und noch mehr herzlich ignorieren.

Im Widerspruch dazu steht allerdings der taumelnde Gang, der nicht darauf schliessen läßt, daß die Person im Kostüm gerade besonders glückliche Momente durchlebt.

          Was Anton zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiss, ist, dass zwei soeben ehrenhaft entlassene Fremdenlegionäre aus Frankreich im Zug sitzend, auf dem Weg zu ihm sind. Beide haben erst einmal genug von »fremden Welten«, einen kräftig riechenden Koffer dabei und wollen jetzt erst einmal nur weit weg von der Armee sein, irgendwo ankommen und dann nachdenken.

Nur einer von den beiden kennt Anton.

Zumindest so gut, daß der ihm einen Spitznamen gab.

»Vulture«, das englische Wort für Geier, so taufte Anton Didi damals, wegen dem vorstehenden Kehlkopf, der starken Nase und dem haubenförmigen Theaterhut aus dem bunte Bänder hingen. Und natürlich wegen dieses markanten breiten Grinsens.

Damals in einem anderen Leben.

              Der Herr - oder einen brünftigen Hengst darstellende - Fußgänger ist unterwegs zu Antons neuer Adresse. An der dieser gar nicht offiziell gemeldet ist, was mindestens eine Ordnungswidrigkeit darstellt.

Es stolpert und hangelt an den Hauswänden die mittelgroße, schmale Gestalt im weiss-ledernen Pferdekostüm, die die Drei Affen nie mehr erreichen wird.

Im Licht der Strassenlaterne betrachtet, fallen nicht nur die langen Pferdeohren auf, an der Rückseite unterhalb des gepflegten Pferdeschwanzes, leuchtet dunkel das haarige Hinterteil.

Weniger gut auszumachen ist in der Dunkelheit, daß die Hände der Gestalt in Hufen stecken. Selbst das Gesicht ist bis auf die Augen nur weisses Pferd. An eine Wand gelehnt, klemmt der Kostümierte die linke Hand unter die rechte Achselhöhle, zieht und zerrt am Huf und wiederholt den Vorgang mit dem anderen Arm. In beiden Fällen offenbar erfolglos.

Dann schieben und kratzen die Hufe über das Gesicht, dort, wo man den Mund vermuten sollte.

Schliesslich sackt die Gestalt zusammen, wenige Meter von den Drei Affen entfernt, neben einer Mülltonne, in einem Haufen Essensreste einer lokalen Pizzeria. Vor allem die fettigen Dips in reichlich vielen, meist zerknickten, teils halb leeren, teils reichlich gefüllten Plastiktöpfchen füttern hier die einheimischen Nager.

Vielleicht ahnt der Mann in weiss schon, dass es seine letzte Tat auf Erden sein wird. Jedenfalls schmiert er mit den steifen Hufen in gewaltigen Lettern die fettigen Dip-Reste in Buchstaben auf den Gehweg, die den Namen des inzwischen ehemaligen Besitzers der Drei Affen ausmachen sollen.

Anton wäre höchst interessiert, dieses zu erfahren, fällt aber soeben in einen unruhigen Schlaf, während die Fremdenlegionäre noch ein gutes Stück Weg entfernt sind von seinem ehemaligen Heim, während parallel eine junge Dame mit vollem schwarzen Haar und leichtem Gepäck, Akzent und leicht dunklem Hauttyp fragt, ob in dem Abteil noch Platz wäre?

Das ist wegen des Schrankkoffers nicht der Fall und es wären genügend Sitzplätze anderswo frei, aber sie kann glaubhaft versichern, daß sie sich „da hinten irgendwie komisch“ gefühlt hat.

Ein mißtrauischer Beobachter, der bald besuchte Anton ist ein solcher, hätte angemerkt, daß eine junge Frau, die sich von Mannsbildern bedroht fühlt, sich nicht zwangsläufig in ein eigentlich besetztes Abteil quetscht, in dem zwei braungebrannte beinahe Glatzen in ausgeblichenen Shirts und kurzen Hosen sitzen, wo es nach Leder und Bier riecht und ein Herr, der fast etwas „overdressed“ wirkt, den letzten Platz belegt, von denen keiner eine Andeutung macht, die Sitzgelegenheit für sie zu räumen.

Ungeachtet aller mißachteten Höflichkeitsregeln hat sie binnen Minuten ihr Bündel als Unterlage genommen und hockt nun auf dem Schrankkoffer.

Man plauscht noch nett über woher und wohin. Die Dame ist eigentlich auf dem Weg nach Paris, läßt sich aber ohne Mühe überreden, stattdessen die Endstation im HVV Nahverkehr aufzusuchen, weil das noch gut im Rahmen von EU-Visum und Bahnticket liegt. „Hauptsache nicht allein“, lächelt sie in die Runde und daß sie Paris später immer noch sehen wird. Sie verbringt den Rest der Nacht im Gepäcknetz, die anderen schlafen unbequem, aber kostengünstig auf den Sitzen ein.

 

Rund drei Stunden nach den Dahinscheiden des Herren im Pferdekostüm sind Polizei und Rettungsdienst vor Ort. Ein Frühaufsteher auf Hundegang hat sich der Mühe unterzogen zu prüfen, ob der Mann am Boden nicht nur einfach betrunken und eingeschlafen, sondern schlicht dringend hilfsbedürftig sein könnte.

Die anderen Nachtschwärmer vor ihm haben diese Möglichkeit ignoriert.

Der nun verursachte Lärm lässt Anton nach zu kurzem Schlaf einigermassen gerädert aufwachen. Das lange Haar umringt ihn wie einen Heiligenschein, was er hier nicht sehen kann, weil an der Decke ein zeichnerisch gelungenes Filmplakat von irgendeinem Bandentrio hängt, Kinowerbung für einen Film, den nicht nur Anton nie gesehen hat.

Heute ist Freitag, wie schön. Irgendeine kleine Veranstaltung findet auf dem Rathausplatz statt. Das ist gut, weil dann viele Leute in Richtung Marktplatz wieseln. Eventuell will der eine oder andere ihm noch irgendeinen kleinen Misthaufen andrehen, meist Bücher, die sowieso schon vom Flohmarkt stammen oder Schrott vom Sperrmüll, teildefekte Stereoanlagen sind ein Klassiker.

Immerhin, seitdem er darauf gedrungen hat, mehr Bücher ins Sortiment aufzunehmen, kommt kontinuierlich wenigstens Kleingeld in die Kasse, am Sonnabend manchmal sogar ganz ordentlich. Manchmal auch einfach nichts.

Als er wieder vorne im Laden rumwieselt, dehnt er schmatzend seine Gestalt und schiebt einen Bleistiftstummel von einem in den anderen Mundwinkel. Dann linst er bei prächtigem Sonnenschein durch die Buchreihen, wer sich von draussen die Auslagen ansieht; beginnend bei großformatigen Dinosaurierbüchern in den unteren Regalen, dann Kochen (Davidis, Praktisches Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche in einer Ausgabe von 1881 und einer sehr viel besser erhaltenen von 1924, 10 und 30 Euro) und Garten (»Schädlinge bekämpfen«, »Obstbäume beschneiden aber richtig« und andere kleine Broschuren aus den frühen 70er Jahren, Konvolut: 5 Titel / 5 Euro). Im Regal darüber folgt diese Woche Biographie (»Josephine, Geliebte Napoleons«, »Mussolini«, »Hugh Hefner«). Zuoberst folgen die Großbände, »Mondatlas«, »Mittelalterliche Kartenkunst«, »Bad Oldesloe in Originalansichten« und »Luftkämpfe 1939-42«.

Makaber, wenn man bedenkt, dass der mit Menschen vollgestopfte Bahnhof in Oldesloe eine Woche vor Kriegsende aus der Luft bombardiert wurde.

Die deutsche Armee war da schon nicht mehr existent, also hat es nur noch Flüchtlinge und Krankenschwestern getroffen.

Aber runde siebzig Jahre später beklagt sich niemand über die Auslage. Hier gibt es mehr und dickere Gedenksteine für Kaiser und Soldaten als für ihre zivilen Opfer. Kein Schild weist den Weg zum lieblos verkommenen alten Friedhof mit Uferblick. Wer den schönen Torbogen erstellt hatte, war viele Jahre in Vergessenheit geraten.

Anton grunzt bei dem Gedanken wartender Hamburger Spekulanten, die nach dem Baugrund gieren, während orientierungslose Bad Oldesloer den Rest durch Untätigkeit erledigen. Oder stetigen Überlebenskampf fügt er im Geiste hinzu.

Er macht einen runden Rücken und atmet vorsichtig ein und aus.

Vor dem großen Fenster links steht ein ungewöhnlich auffälliges Paar. Der alte Herr ist braungebrannt, ganz in creme-weiß, mit dunkler Sonnenbrille und weißem Oberlippenbart. Wohl ein Dandy, der es geschafft hat, trotz Alkohol- und Tabakmißbrauchs neunzig Jahre alt zu werden. Urenkelin oder pflegerische Begleitung anbei.

Sieht aus wie eine Ninotschka.

Im Geiste stürmt Anton durch das Fenster, wedelt den Dandy-Rentner in die Ohnmacht und fängt das glücklich erleichterte Mädel auf. Ein paar geflüsterte Worte, dann finden sich die Lippen.

 

Träume sind Schäume.

Denn dummerweise befindet sie sich derzeit auf der anderen Seite der Scheibe und Strasse, ist in einen dünnen schwarzen Mantel gepackt und sieht durch eine Brille mit Silberrand den Großvater da draussen an. Eine Zigarette zieht die Lippen ironisch auseinander und ihr Blick wirkt auch nicht wie ein Kompliment.

Anton zuckt mit den Achseln. Wer Schätze in der Auslage sehen will, soll nach Hamburg durchfahren oder nach Timmendorfer Strand umsteigen.

Oldesloe, das ist Gemütlichkeit und Wiederholung oder eben Tristesse, je nach Auslegung, ob das Glas nun halbvoll oder halbleer ist.

Was ist da draussen eigentlich für ein Auflauf?

So viel Bevölkerung sieht man in Oldesloe doch sonst nur zum Stadtfest.

Er greift eine Liste, um Titel zu überprüfen, auszusortieren, den Preis zu senken, sie mit anderen zu einem Konvolut zusammenzufassen oder im Idealfalle nur umzustellen, als zu seiner Überraschung der Alte von eben tatsächlich durch die Tür kommt.

Die Dame bleibt draussen, wo sie die schmalen Hände mit einer angespannt geschickten Drehung in die Taschen bugsiert. So wie es Schattenboxer tun, die im Geiste Kampfsportbewegungen üben. Wenn man es lange genug gemacht hat, verselbständigt es sich irgendwann. Man spürt gar nicht mehr, dass man es tut. Solange, bis man mehrere Male darauf angesprochen worden ist. Anton selbst hatte damals einen Theaterkurs gebucht, um seine unbewussten Bewegungen endlich mal wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Die Liste in seinen Händen glättend begrüßt er den alten Herrn, der eine etwas voluminöse, aber beschädigte Aktentasche unter dem Arm trägt. Mit einer angedeuteten Verbeugung in Richtung des Besuchers fragt er, ob er helfen kann? Der alte Herr sucht durch seine dunkle Brille den Blick seines Gegenübers.

»Sie kaufen doch auch an, Herr …?«

»Sicher«, sagt Anton, mechanisch durch die Scheibe nach draussen lächelnd: »Wenn es uns interessiert.« Das Telefon klingelt, Anton entschuldigt sich und hebt ab.

Der Inhaber ist am Apparat.

Oder der ehemalige Inhaber?

Der Anrufer sagt, er melde sich aus Peru. Redet von hochgelegenem Flughafen und Begeisterung und einer Jugenderinnerung. Ob Anton die Bücher von Richard Katz zufällig kennen würde?

Anton nickt am Telefon.

Ob Anton mit der Regelung umgehen könne?

»Ja«, antwortet der Angesprochene. »Problemlos«, fügt er an und öffnet die Kasse, um das enthaltene Wechselgeld zu überfliegen.

»Halleluja!«, kommt es von der anderen Seite, der Anrufer legt auf und sein Gesprächspartner sieht für eine Sekunde den Hörer des altmodischen Telefons mit Wählscheibe an.

Erneut mechanisch lächelnd nimmt Anton den Gesprächsfaden wieder auf: »Sie wollten uns etwas anbieten?«

»Ja«, die Ladenglocke unterbricht den Greis, der trotzdem weiter spricht »ich würde mich hiervon trennen wollen.«

Ein Lieferant steckt den Kopf herein und fragt nach der Hagenstrasse. »Ein paar Meter geradeaus«, Antons Arm wedelt mit der zerknüllten Liste nach rechts. »Lassen Sie sehen«, fordert er in die andere Richtung auf, während eine Mutter mit Kind hereinschlängelt und sich in Richtung Kinderbücher vortastet.

Der alte Mann mit der Sonnenbrille zeigt gelbe Zähne, als er einen gewaltigen Folianten in blau aus der Aktentasche wuchtet: »Sie können sich gern einen Augenblick damit zurückziehen. Soviel Zeit habe ich.« Schnaufend fliegt ein blütenweisses Taschentuch über das gebräunte Gesicht über und unter der Sonnenbrille. »Und – wenn es möglich ist – hätten Sie wohl ein Glas Wasser für einen alten Herrn?«

Anton nickt geistesabwesend und verschwindet durch eine Tür.

Der Inhaber wird irgendwann wieder aufkreuzen, »alles war so gar nicht gemeint«. »Das war doch nur ein Gedanke«, »ein Gesprächsthema«, »kein konkretes Angebot«.

Etwas in der Art.

Und Dinger wie diesen lächerlichen blauen Riesenschinken hat er zuletzt in Polen gesehen, bei Typen mit breiten Goldketten, Sonnenbrillen und allem anderen, was es braucht, um wie eine Mischung von Witz und Zuhälter auszusehen. Hoffentlich verschwindet die Mutter mit dem Kind gleich. Nicht, dass der Daddy hier noch ausfallend wird.

Ein wenig Lautstärke und morgen mittag weiss es der ganze Schulhof. Am Abend der Rest der interessierten Stadtbevölkerung.

Bad Oldesloe ist nicht Hamburg.

Minuten später ist der Befreiung erster Teil gelungen, man hat »Karlsson vom Dach« und zwei weniger bekannte Kleinigkeiten gefunden, Anton wechselt, packt ein, bedankt sich.

Hinter dem Tresen faltet er noch den Brief, der ihm den Laden für seinen letzten Monatslohn überlässt und schliesst die Kasse: »Wo waren wir stehen geblieben?« Einer Eingebung folgend macht er ein schnelles Handyfoto, bevor er noch eine Kopie dieses Briefes erstellt.

Eigentlich ungemein munter heute morgen. So viel war in den letzten drei Monaten kaum los.

Eine Email geht ein. Anton ist ehrlich überrascht und hocherfreut. Sie ist von „c.“. Die wird er nachher in aller Ruhe auf sich wirken lassen. Und dann muß er wirklich Chantal kontakten, damit sie den Laden mal bei Dunkelheit fotografiert.

Der angesprochene Alte hat sich inzwischen in einen schnörkeligen kleinen Sessel fallen lassen und kommt ins Erzählen. Ein Bekannter seiner Familie habe bei einem Fuhrunternehmen gearbeitet, Brüssel, Budapest, Madrid, Rom, Neapel und Marseille. Kurzum, hin und wieder stellte dieser Bekannte Dinge für ein paar Tage unter. Aber einmal, trotz aller Sorgfalt, einmal haben die Kinder eben doch einen Schlüssel zum Schuppen gefunden. Sie haben gespielt und ein paar Dinge innerhalb dieses Gebäudes verschoben. Jedenfalls ist dabei, unter anderem, dieses Buch übrig geblieben. Nur ein Teil des Bestandes natürlich, aber bekanntlich haben Bücher Gewicht.

Der Alte reckt das Kinn hoch, um Anton anzusehen, der gerade den Deckel dieses Bücherschatzes anhebt, wo er – ganz wie erwartet – eine alte Rechnung über mehrere tausend DM vorfindet.

Jetzt erhebt sich der Alte knackend und kraucht langsam und ohne den Blick auf einzelne Objekte in den Regalen zu richten durch den schmalen Gang, wobei er eine Bemerkung über die Gemütlichkeit des Geschäftes macht.

In den wilden 80ern hat Anton einmal in Warschau Kopien von »Mein Kampf« gesehen. Noch schlechter gemacht als das Original, von dem auch so reichlich genug Exemplare herumgeistern, der Mist schlägt hier immer wieder auf. Aber dieser für seine Größe leichtgewichtige Klotz ... Anton streicht einmal unter die aufgeklebte Metallscheibe, versucht sie zu drehen, mit dem Fingernagel anzuheben oder reinzudrücken. Keine versteckte Funktion.

Wie erwartet, ist es kein Buchschmuck, sondern schlichte Übertölpelung, irgendein billig aufgeklebtes Teil vom Maschinenbau. Nicht in den Einband eingearbeitet, protzig, breit, poliert und komplett wertlos. Wahrscheinlich irgendwann in den 70ern und auch im ehemaligen Ostblock entstanden, das Katalogblatt mit dem monströsen Preis war bestimmt schon damals beigelegt.

Irgendjemand, der nach Lastwagenfahrer aussah, zog dann durch die Großstädte und klapperte die damals noch reichhaltig vorhandenen Antiquariate ab. Das hat sich natürlich vor allem dann gelohnt, wenn es a.) ein Großereignis gab, welches das Kaufinteresse seitens der Antiquariate anregte und b.) man ohnehin mehrere Großstädte beruflich aufzusuchen hatte.

In diesem Fall ist es ein Sportband, Olympia, um genauer zu sein.

Mit einer handschriftlichen Dankeswidmung irgendeiner hohen Instanz mit wuchtigem Stempel, gepaart mit dem Wort »Ministerial« darin – und natürlich streng limitiert und nummeriert. Wie immer.

Hier kommen ja auch Typen mit Lama rein und betteln um Geld.

          Oder die Sau, der angeblich seine Schlüssel im Auto eingesperrt hatte und nun mit dem Zug zurückfahren müsse, um die Ersatzschlüssel zu holen.

Noch heute abend oder gleich morgen früh zahlt er die fünf Euro mit Zinsen zurück. Sobald der Laden auf hat!

Das ist jetzt vier Wochen her und Anton wird seine fünf Euro nicht wieder sehen. Und er dachte, er kennt alle Tricks.

»Jaaa«, sagt Anton jetzt, womit er »Sehr witzig …« meint.

»So etwas bekommen Sie natürlich nicht oft zu sehen«, knirscht die Stimme hinter ihm.

»Nein«, erwidert Anton und schweigt die Schaufensterscheibe an. Diese Nummer kann nur jemand abziehen, der einerseits Antiquariate und Antikläden gut genug kennt, um zu wissen, dass nicht das Alter, nicht die Seltenheit, sondern komplexere Kriterien wichtig sind.

Jemand, der ohnehin reist und die Naivität bis hin zur Spielsucht der 2. und 3. Liga der Antiquariate kennt. Wer gierig ist, eröffnet kein Antiquariat, keinen Trödelladen.

Man ist ehemaliger Beamter und sorgenfrei oder wollte mit Gründung eines solchen Geschäftes der drohenden Arbeitslosigkeit entfliehen. Alles, nur nicht draussen sein.

Aber euer Anton, der ist kein Spieler. Nur ein Jäger mit Herz und sehr viel Sammler.

Die Brille steht dir, Herzchen.

Er sieht in ihre Richtung, sie sieht in seine Richtung, ihre Hände knetend, aber ihrer beider Blicke treffen sich nicht. »Sie kommen sicher aus dem Sportbereich, nicht wahr?«, fragt Anton über die Schulter weg.

»Ich bin natürlich vielseitig interessiert. Kein Wunder bei einem so langen Leben.«

Anton kalkuliert, dass er siebenundzwanzig Tage Zeit hat, um genug Geld für »Miss Marple« (die Vermieterin), etwas Nahrung usw. aufzutreiben. Er muß einen Kostenplan aufstellen, Briefpapier entwerfen – aber geht das alles ohne einen Kaufvertrag?

Das schreit doch nach der Abmahnindustrie.

Obwohl es spürbar wärmer wird, hat die Begleiterin drüben ein Kopftuch aufgesetzt, was Anton seit vielen Jahren nicht mehr in Europa gesehen hat, jedenfalls nicht bei jungen westlichen Frauen.

Er erinnert sich an eine James Bond Kurzgeschichte, in der der Agent einen anderen Agenten dadurch herausfand, dass dieser als Zeichen in einer Auktion die Sonnenbrille abnahm.

»Vielleicht sollten Sie es noch einmal in Hamburg versuchen. Wir haben kein Interesse.«

Der Alte krächzt, »Ach, wir werden uns da schon einig, wenn Sie …«

Anton hat mal Prügel von einer Karatedame bezogen, da war die Tussi drüben noch nicht einmal in den Windeln. Die hatte auch diesen kalt abwesend, etwas arroganten Blick, wie die Models auf dem Laufsteg, »Wissen Sie«, antwortet er, das erste mal ganz offen lächelnd an diesem Tag, »das Leben ist ein langer, manchmal wilder Fluß.« In Gedanken ohrfeigt Anton den Scheidungsanwalt. Nicht einmal eine einvernehmliche Trennung ist möglich, ohne dass die Bürger an beinahe beamtete Handaufhalter verwiesen werden. Nicht der Erfolg einer Leistung ist wichtig, nur die Anwesenheit wenn man vorher jahrelang ein Jurastudium abgesessen hat. Warum müssen eigentlich Gerichte Ehen scheiden?

Der alte Herr setzt sich jetzt wieder hin, mit dem Rücken zu Ninotschka.

Aha, Signal »Schwieriger Kunde!»

Gleich wird sie reinkommen und dann wird es hier so richtig feminin.

Das Telefon klingelt und Anton hebt voller Vorfreude ab, »Anton Abendrot, Originelles und Originales«.

Sein Rücken wird gerade.

Anton lauscht in den Hörer, unangenehm grinsend und verärgert nach draussen lugend, wo gerade Stimmen und Hupen für Lärm sorgen.

»Bedaure! Meine Mutter hat mich vor Schmuddelkindern gewarnt.«

»Wenn Sie sehen, tun andere es auch. Sie werden gesehen. Wer in die Nähe der Jauchegrube steigt, riecht auch nach Jauche. Wer die Revolution ganz nah sehen will, blickt in den Abgrund. Oder um es mit Nietzsche zu sagen: Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Passen Sie verdammt auf, wer Ihre Quelle ist und W-A-R-U-M.«

          An den würdigen alten Herrn gewandt, ohne ihn anzusehen, wirft Anton sitzend ein paar Abschiedworte zu. »Und wir haben sowieso kein Geld, seitdem der Inhaber mit unbekanntem Ziel verreist ist.«

»Tja«, sagt der Alte und streicht einmal über den mitgebrachten Band. »Da kann man wohl nichts machen. Und das bei dieser Hitze, die für heute angesagt wurde.« Sein Blick streift seine Begleiterin draussen, die die Hände fest in die Manteltaschen gerammt hält.

»Frauen sind wie Wein,« gibt er gerade philosophisch von sich. »Sagen Sie, dürfte ich noch Ihre Toilette benutzen? Das ist einfach dem Alter geschuldet.«

Anton flucht innerlich, seufzt äusserlich und weist stumm den Weg.

Das Herzchen raucht nicht mehr. Schadet ja auch der Gesundheit.

»Verdammte Weiber«, grient Anton durch die Scheibe und greift den nächsten Bücherstapel. Jetzt hat er schon feuchte Hände von der Hitze.

        Schliesslich kommt die Dame, ihre Gereiztheit nicht verbergend, über die Strasse ins Geschäft rein, was gleich Staub und Hitze nach sich zieht.

Die Frage nach dem alten Knacker erübrigt sich, weil der gerade wieder von hinten in den Laden tritt. Deutlich frischer als eben noch, auch besser duftend.

Hat der hinten seine Morgentoilette abgehalten, oder was?

Diese Figuren sollten jetzt langsam mal Gas geben, um noch schnell zum Strand zu kommen.

Anton, ein Kind der Ostseeküste, versinkt in erfrischenden Gedanken.

Probleme verschwinden in der See, ansonsten wartet man auf die Welle oder hört den Möwen zu – inmitten all der Touristen.

        Abrupt erfahren Antons abkühlende Gedanken eine kreischende Vollbremsung, als zwei schwitzende junge Männer in kurzen Hosen, in kurzen, grünen Hemden und bulligen Schuhen eintreten wollen. Ein kurzes »Pardon«, ohne das »N« auszusprechen, ein trippelndes Stehenbleiben und langer Blickkontakt mit der Dame.

Einer bleibt an der Tür, einer stellt sich in Positur vor dem Tresen auf. Der größere der beiden, am Tresen, sagt jetzt, leise, aber deutlich genug, »Mon capitan«, so wie es eben kein Laie sagen kann.

Vorhin noch hat er daran gedacht:

Was hat Vulture mit Katherina gemacht?

Nur noch Katherina, nie mehr Kathy.

Das Spiel ist noch nicht zu Ende.

Vielleicht währt es ein ganzes Leben lang.

        Die Dame ist nach drinnen geschlüpft, wo es deutlich angenehmer ist als draussen. Genauso unverhohlen wie sie eben ihren Groll gezeigt hat, so schaut sie jetzt zum Augenduell am Tresen, wo Anton nun den Asiaten an der Tür mustert.

Wer ist denn jetzt diese zweite Figur?

Ausleih-Karateka vom Asia-Imbiss?

Nur für den Fall, dass Anton zu beissen, zu kratzen und zu schlagen droht?

Jetzt hätte er fast gelacht, nur die beiden Gaffer im Hintergrund nerven, aber die werden gleich gehen. Das Mädel müsste er jetzt schon dreidimensional haben. Sechs versteckte Kameras im Laden haben sie inzwischen komplett abgelichtet.

        Als offener Journalist ist das einfacher. Man hat immer Kameras dabei und sieht aus, nach dem was man ist. Da sind die Mädels oft auch noch dankbar, wenn man sie fotografieren will und die Bilder sofort auf das andere Handy liefern kann. Nicht mehr so wie damals, wo man erst entwickeln und dann hinterhersenden sollte. Bei der Herausgabe der Adresse war dann meist Schluss. Die Mädels waren schon damals nicht doof und immer etwas vorsichtig. Der kleine Kugelblitz im Seminar für Jungjournalisten hat es auf den Punkt gebracht:

„Undercover ist schwierig! Eigentlich unmöglich, wenn Sie über einen Rest von Selbstachtung und Stil verfügen. Denn es gibt die Möglichkeit, daß Ihr Aufstellen der Kamera in der Toilette oder im Schlafzimmer pervers sind … Aber vor allem dort finden die Heimlichkeiten statt. Wenn man Sie dabei herausfindet - wie wollen Sie beweisen, daß Sie nicht pervers sind? Indem Sie keine heimliche Kamera aufstellen, oder? Aber es bleibt immer noch die Möglichkeit, daß Sie es doch getan haben könnten …”

 

Anton setzt schnell ein Lächeln für den strammen Kerl am Tresen auf.

Ganz als wenn er sich unendlich freuen würde.

»Mein Sohn! Bist du es?«

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